SEHNSUCHT NACH DEM UNBEKANNTEN?

SEHNSUCHT NACH DEM UNBEKANNTEN?

 Als ich im Dezember von Deutschland auf meine Heimatinsel Flores ankam, traf ich auf eine Welt ohne Schnee, ohne Winter. Mein vierjähriger Neffe beobachtete mich beim Auspacken des Koffers mit großen Augen und fragte: „Onkel, warum hast du keinen Schnee mitgebracht?“ „Ich habe es versucht“, sagte ich lachend, „aber Indonesien ist viel zu warm. Der Schnee wäre längst geschmolzen.“

Um ihn nicht zu enttäuschen, holte ich


zerstoßenes Eis aus dem Kühlschrank und legte es vorsichtig in seine kleine Hand. „Schau, das ist wie Schnee, nur dass er nicht bleibt.“ Er erschrak, ließ es fallen, lief davon und rief laut: „Es ist heiß!“ Wir alle mussten lachen. Er hatte kein Wort für das, was er da gerade spürte.

Sein Staunen war wie ein feiner Riss in seiner vertrauten Welt; seine Neugier auf das, was größer ist als seine eigene Erfahrung. Ja, eine Sehnsucht nach dem Unbekannten und zugleich die Grenze seiner Sprache.

 „Alles beginnt mit der Sehnsucht“, schreibt die jüdische Dichterin Nelly Sachs. Vielleicht gilt das auch für unseren Glauben. Er beginnt nicht mit fertigen Antworten, sondern mit einem inneren Fragen. Nicht mit Gewissheit, sondern mit einem offenen Herzen.


Glaube will nicht eingefroren werden. Er darf berühren, manchmal irritieren, manchmal auch erschrecken. Gerade darin bleibt er lebendig. Solange wir staunen, fragen und uns überraschen lassen. Unsere Sehnsucht kann Gottes erste Spur in uns sein.

Haben wir noch den Mut, uns von Gott überraschen zu lassen?

 

Yohanes Lein - Gemeindereferent

Foto: Privat

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