Sankt Augustin, Juli 2014
Lieber
Gott,

Weiterhin
sah ich mich an, ich sah meinen Augen, meinen Ohren, meinen Nase, meine Zunge, meine
Lippen, meine Hände, meine Füße, meine Gedanken, meine Träume, meine Sehnsucht,
meinen Glauben. Einen Moment lang sah ich sie an. Das ist mein Gesicht, das sind
meine Gedanken, das ist mein Gefühl, das ist mein Verhalten, das bin ich!
Lieber
Gott,
Auf
meinem Weg versuchte ich immer, meinen Willen, meine Gedanken und mein Tun in
Einklang zu bringen, aber oft erfahre ich Konflikte. Und diese Konflikte werden
noch verstärkt durch die Worte, die du mir gestern in deinem Evangelium sagtest:
„…. Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Ich fragte mich: was ist dein Wille? Was passiert, wenn ich deinen Willen nicht
tue, oder wenn ich deinen Willen gar nicht kenne? Auf deine Frage „für wen hältst
du mich“ könnte ich vielleicht keine Antwort geben. Eine letzte und vollkommene
Antwort finde ich auch nicht, da ich noch auf der Suche bin, Dich zu kennen und
alle deine Wege zu verstehen. Ich bin noch Unterwegs zu dem Punkt, wo ich dir meine
Antwort geben soll. Unterwegs begegnete ich vielen Erfahrungen, vielen Menschen
und vielen Orte, die ich erleben und die mich aufnehmen sollten. Die gehören
mir. Traurige Erfahrungen, Tränen und Trauer, Enttäuschung, Orientierungslosigkeit
und Hoffnungslosigkeit, die ich erfahre, führten mich so schnell dazu, einen Vorwurf
gegen Dich zu erheben – gegen dich und deine unendliche Güte, deine volle Allmacht,
deine bedingungslose Liebe und deine väterliche Barmherzigkeit; führten mich
dazu, all das in Frage zu stellen. Und andererseits war ich hochmütig, wenn ich
erfolgreiche Erfahrungen und Glück erlebte. Ich hielt es fest und glaubte, das
ist einfach Ergebnis meiner Mühe, das ist mein Erfolg, so dass ich blind war,
deine Gnade in dieser Erfahrung zu sehen und deine Liebe zu mir zu erfahren,
vor allem, dass du mittendrin in meinem Leben bist und es in deinen Händen
hältst und spielst.
Lieber
Gott,
Wie bei
uns im Kloster üblich, machte ich heute nach dem Mittagessen einen Spaziergang durch
den Wald in den offenen Garten hinein. Es war schon wirklich warm bei uns auf
der Erde. Auf einer Bank im Garten saß ich und schaute durch die Natur. Ich
spürte den Wind, der die Blätter schüttelte und dicht an meine Wange blies.
Auch die Luft, die immer bei meinem Einatmen und Ausatmen da ist, spürte ich,
so dass ich einen stillen Raum in meiner Seele gewinnen konnte. „Weißt du, dass
ich an dich denke?“, fragte ein Blatt den Zweig, als der Wind es nicht mehr bewegte.
„Ich bin auch bereit, wenn der Wind plötzlich kommt und mich kräftig weht. Ich
bin bereit, irgendwann zu fallen.“, sagte es weiter. Dieser Sprache der Natur hörte
ich zu und versuchte es zu verstehen. Es ist nicht einfach! Hätten die Menschen
ein treues und aufrichtiges Herz wie die Blätter! Niemals sind sie böse und
ärgern sich über den Wind. Praaaaaaaaakk! Ich bin erschrocken wegen eines Knarrens
und Knackens im Sommerwind. Diesmal sind es nicht nur die Blätter, sondern auch
die trockenen Zweige, die runterfallen. Ich fühle mich schon müde von dieser Besinnung
so allein. Ich muss noch weiter gehen und dir diesen Brief schicken, bevor die
Sonne untergeht und eine neue Jahreszeit kommt. Mein Leben gehört Dir. Gibst du
mir deine Hand und führt mich in die Wahrheit meines Lebens!
Dein
Vianney
Lein